Der Mutterschuh

Als ich eintrete, hat sie Tränen in den Augen, obwohl sie meinen Namen nicht mehr kennt, obwohl das Wort Tochter für sie keinen Sinn mehr ergibt. Tochter bin ich nur noch auf Angehörigentreffen. „Wie geht es deiner Mutter?“, hat mich eben noch eine Freundin am Telefon gefragt und eigentlich meinte sie: wie weit hat sie sich mittlerweile von der Frau entfernt, die einmal deine Mutter war? An ihrer Statt ist jemand anderes in mein Leben getreten, ein Mensch jenseits jeglicher Verantwortlichkeit und jenseits aller gesellschaftlichen Konventionen, ein Mensch hinter einer unsichtbaren Wand.

Ich begrüße sie mit einem Kuss auf die Wange, und sie lächelt, streichelt meine Hand. Ich sehe sie vor mir, wie sie sich früher mit demselben Handrücken die Lachtränen aus dem Augenwinkel gewischt hat. Manchmal meine ich, dass etwas in ihr gleich geblieben ist. „Kommst du auch mal wieder?!“, begrüßte sie mich noch beim letzten Mal. Und es schien mir so treffend zu sein, das Aufblinken eines alten Zeitgefühls, die passenden Wörter. Aber es sind nur die Hülsen, die sie manchmal noch findet in sich.

Ich möchte mit ihr spazieren gehen und suche nach ihrem Mantel, ihren Schuhen, bereite sie langsam darauf vor, dass wir in den Park gehen werden. Es ist schwierig geworden, ihr die Schuhe anzuziehen, weil sie nicht mehr weiß, wie es geht, wie sie den Fuß halten soll, wann sie drücken soll und womit, auch, weil sie niemandem mehr wirklich vertraut. Obwohl sie schon so vieles losgelassen hat, fürchtet sie sich davor, sich völlig zu verlieren. Sie will sich nicht hinsetzen, will nicht aufstehen, weil sie Angst hat, die Kontrolle zu verlieren über den Raum, so wie sie schon die Zeit verlor. Sie ist ständig in Abwehrhaltung. Es ist, als zöge die Krankheit sie immer tiefer zu sich hinein, und ich ziehe gleichzeitig an ihrem rechten Fuß, versuche ihr diesen Mutterschuh wieder anzupassen. Er muss einfach noch passen, wenigstens das Spazierengehen dürfen wir nicht verlieren. Aber unsere Runden werden jedes Mal kleiner. Sie schafft nicht mehr so viel.

Ich ziehe sie aus dem Stuhl heraus, beim Mantel anziehen muss mir eine Pflegerin helfen. Es ist schwer Arme in Ärmel zu stecken, wenn der Mensch nicht versteht, was er tut. Dann biete ich ihr meinen Arm, und sie schaut sich ängstlich um, bittet die Pflegerin mit den Augen um Erlaubnis, spazieren gehen zu dürfen. Sie ist zu meiner Herausforderung geworden. Ein wenig ist sie das schon als Mutter gewesen. Wir hatten viel Streit. Während ich an meiner Doktorarbeit schrieb, hat sie mir Stellenanzeigen für Sekretärinnen geschickt. Ich sollte nicht überkandidelt werden. Heute ist es ihr egal, was ich bin, heute bin ich für sie nur ein Mensch, zu dem sie tief in ihrem Inneren eine emotionale Bindung hegt. Den Grund dafür hat sie vergessen. Damit muss ich auskommen. Wut ist keine Lösung, und mit meiner Trauer versuche ich sparsam zu sein, denn schließlich lebt sie noch und für wie viele Jahre würde meine Trauer wohl reichen?

Ich ziehe an der schweren Tür, die den acht Demenzkranken der WG das Fortlaufen erschweren soll, und gehe mit ihr nach draußen. Endlich riecht es nicht mehr nach Urin. Was wird sein, wenn sie gar nicht mehr rausgehen kann? Was mache ich dann mit ihr, wenn ich sie besuche? Reden tut sie nicht mehr. Ich lese ihr den Zauberlehrling vor: „Walle, walle…“ Den mag sie am liebsten. Ich schaue mit ihr alte Fotoalben an, hole sie hervor, als wollte ich ihr die Vergangenheit beweisen. „Wer ist denn das neben ihnen?“, fragte die begutachtende Ärztin sie, als es um die Pflegestufe 3 ging. Sie aber schaute mich an, lächelte, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, verzweifelt. Ich griff nach ihrer Hand. „Ja“, sagte die Ärztin endlich und machte sich eine Notiz, „das ist ihre Tochter, nicht?“ Ihr gelang ein Nicken. Und ich dachte, vielleicht, wenn ich fest daran glaube, dass sie noch meine Mutter ist, vielleicht gibt ihr das Halt, und sie glaubt es auch. Und ich schaute sie an, wie sie da saß und mit den Augen im Raum herumsuchte, irgendetwas suchte, das es schon lange nicht mehr gab, vielleicht noch nie gegeben hatte. Meine Mutter ist nicht mehr da, dachte ich. Sie ist jemand anderes.

Sie freut sich besonders über die kleinen Kinder, die uns auf der Straße entgegen kommen, deutet auf sie, lacht. Ich erzähle ihr von meinen Kindern, an die sie sich nicht mehr erinnern kann. Meine Tochter will nicht mehr zu Besuch kommen. Das letzte Mal, als das Kind da war, hat sie es unwirsch beiseite geschubst: „Gehen Sie, ich kenne sie nicht!“ Und meine Tochter sagte unter Tränen zu ihr: „Aber du bist doch meine Oma!“ Da hat sie ihr über den Kopf gestrichen, hatte Mitleid mit diesem fremden, weinenden Mädchen, das seine Oma suchte und nicht mehr fand.

Die Familienbeziehungen haben für sie die Bedeutung verloren. Was bleibt, sind Emotionen, die sie für den Moment verteilt. Noch bekomme ich mehr als die Pflegerinnen, die sie am liebsten mag. Noch strahlt sie besonders, wenn sie mich sieht. Aber was wird sein, wenn sie sich den Schuh überhaupt nicht mehr anziehen lässt?

Uns kommen andere Mütter entgegen, mit ihren erwachsenen Töchtern ins Gespräch vertieft. Manchmal werde ich traurig davon, aber sie beachtet sie nicht. Vielleicht ist sie lange genug Mutter gewesen, hat es sich ausgemuttert für sie? Sie blickt sich suchend auf der Straße um, bleibt mit den Augen bei mir hängen, lächelt mir zu. Früher, zu Beginn der Krankheit, hat sie immer von ihrer Kriegskindheit erzählt, immer wieder die gleichen Geschichten. Auch da suchte sie im Zimmer herum, blieb mit den Augen bei mir hängen und fragte: „Hast du das auch noch erlebt?“ Und ein wenig hatte ich das tatsächlich, weil sie es wieder zu erleben schien, den Bombenangriff, die Kopfverletzung der Frau, vor meinen Augen erlebte sie es wieder. Ein wenig konnte ich ihr also dabei zuschauen, wie sie meine Mutter wurde. Trotzdem wollte ich ihr den Gefallen nicht tun, nein, ich hatte es nicht erlebt. Ich wollte weder sie werden, noch Mutter werden für sie.

Als eine Feuerwehr mit Sirene vorüberfährt, zuckt sie zusammen, wird ärgerlich und hebt die Hand in einer drohenden Gebärde. Manchmal ist sie auch auf mich wütend geworden, trat beim Duschen nach mir, holte mit der Hand aus. Ich fing ihre Hand ab in der Luft und zischte sie an: „Du schlägst mich nicht!“ Und es war mehr als mein Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf dem ich beharrte. In solchen Momenten war sie wieder meine Mutter, die mich schlagen wollte. Das unterschied mich von den Pflegerinnen, gegen die sie auch aggressiv war. Ich wurde so wütend. Erst vergaß sie, wer ich war und nun wollte sie mich auch noch schlagen, wenn sie es auch nie tat, immer nur ausholte. In solchen Momenten setzte ich sie in meiner Vorstellung wieder an ihren Platz und sagte: „Du bist meine Mutter, und du schlägst mich verdammt noch mal nicht!“ Und irgendetwas schien davon bei ihr anzukommen, mein Einreden auf sie, meine Gespräche mit den Pflegerinnen, denn diese aggressive Phase ging vorüber. Sie wurde fügsamer beim Waschen und Anziehen, fügte sich in das Schicksal einer Frau, die sich nicht mehr selbst anziehen und waschen konnte. Ich habe sie von da an nur noch selten geduscht, habe es den Pflegerinnen überlassen, weil es mir zu schwer wurde. Nicht das Duschen an sich, sondern die Angst, dass sie in dem Moment, in dem sie mich schlagen wollte, wieder zu meiner Mutter würde, ich sie verantwortlich machte dafür. Nicht, dass ich zurückgeschlagen hätte, aber ich hätte sie gehasst, und hatte doch kein Recht sie zu hassen. Sie war eine hilflose, ängstliche Frau, die mich manchmal an meine Mutter erinnerte.

Als wir an einem Spielplatz vorbeikommen, will sie hineingehen, aber ich ziehe sie weiter, daran vorbei. Sie will den Kindern über den Kopf streicheln, droht ihnen manchmal, wenn sie zu laut sind, und sie macht ihnen Angst. Auch mir macht es Angst, ihr Innerstes so ausgebreitet vor mir zu sehen, das, was sie früher vielleicht sogar vor sich selbst verborgen hat. All die Aggressionen, die eine gute Mutter nicht haben durfte, dieser ewige Verzicht, ich kenne das ja auch. „Esst ihr mal erst. Ich habe keinen Hunger.“ Sie hat immer erst am Schluss gegessen, wenn wir alle satt waren. Manchmal esse ich heimlich von der Schokolade meiner Kinder, bloß um nicht in diese Mutterfalle zu tappen. Meine Kinder kennen das schon, halten mir genervt ihre nur noch halben Schokoladentafeln entgegen: „Mama!“, tadeln sie mich. Was aber, wenn es mir genauso erginge, ich eines Tages die Kontrolle verlöre und alles aber auch alles preisgeben würde, meine Ängste, meine Aggressionen, meine Liebe. Wenn ich dafür keine Worte mehr fände, sondern sich statt dessen ein Ausdruck dafür fände in mir?

Wir gehen an ihrer alten Wohnung vorbei. So lange haben wir gezögert, sie in einer WG unterzubringen, sie aus ihrer gewohnten Umgebung herauszureißen. Schon nach einem Monat erkannte sie die Wohnung nicht mehr, in der sie zehn Jahre mit ihrem Mann gelebt hatte. Mit dem Verlust dieses Mannes hatte alles begonnen, vor etwa zehn Jahren war das. Da war sie Anfang sechzig und ich Ende dreißig. Sie verlor ihre große Liebe und hatte danach kein Interesse mehr am Leben. Also zog sie sich in sich selbst zurück. Nur dass die Liebe ihres Lebens praktisch das Erste war, was sie vergaß, weil es in der Erinnerung das Nächstliegende, das am kürzesten Zurückliegende war. Aber vielleicht besinnt sie sich nur auf die Liebe, zieht sich allein auf das Gefühl zurück, erinnert ihn nicht als Person sondern als Gefühl.

Sie wird langsamer, schlurft und stützt sich schwer auf meinen Arm. Sie möchte in die WG zurück. Wieder macht sie den Eindruck, etwas verloren zu haben, ist auf der Suche mit den Augen, mit den Händen, früher mit Worten, nach Worten ringend, immer auf der Suche. Und sie schickte auch uns auf die Suche nach sich, indem sie sich fortnahm, als die, die sie war. Vielleicht war sie müde geworden. Und natürlich haben wir kein Anrecht auf Mütter, wenn wir erwachsen sind. Aber haben die Mütter ein Anrecht darauf, sich von uns bemuttern zu lassen, sich von uns füttern, windeln und duschen zu lassen? Haben sie ein Anrecht darauf, dass wir ihre Hand abfangen im Flug und sie anzischen: „Du schlägst mich nicht!“ Du schlägst mich nicht, denn schau, was ich für dich tue, eigentlich müsste es umgekehrt sein. Andere bekommen ihr Lieblingsessen gekocht, wenn sie nach Hause fahren, kriegen Geburtstagsanrufe und Geschenke, und du weißt nicht einmal mehr, wie ich heiße.

Als ich die Tür der WG mit dem Schlüssel öffne, fällt mir ein, dass sie heute Morgen, als ich zur Tür hereinkam, Tränen in den Augen hatte. Ich führe sie zu ihrem festen Platz am großen Küchentisch und streichle ihre Hand, dieselbe Hand, mit der sie sich früher die Lachtränen aus dem Augenwinkel wischte.

 

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Ich versuche, ein Erdhügel zu sein

Vater tanzt wieder. Ich lege die Handflächen nebeneinander, kein Spalt soll mehr sein zwischen den Fingern, schlage die Hände vors Gesicht, halte sie vor die Ohren, wieder vors Gesicht, vor die Ohren, vors Gesicht. Unmöglich beides gleichzeitig zu tun, obwohl ich besser werde, schneller, die Hände im Flügelschlag vor die Augen, vor die Ohren, die Arme gefühllos dabei, als würde ich fliegen, stehe ich da, als könnt es mir gelingen, zum Fenster hinaus.

Mutter will nicht tanzen. Nie. Es schüttelt den Vater, denn er kann gar nicht tanzen, nicht wirklich. Als gehöre er nicht hinein in seinen Vaterkörper. Als schlackere der Körper um den Vater herum, der still dasteht, inmitten seines tanzenden Körpers, den er erträgt, wie einen ungebändigten Teil seiner Selbst. Die Mutter hat sich abgewandt von seinen schlenkernden Gliedern. Man sieht deutlich, daß sie ihn nicht mag, den tanzenden Vater, sieht auch, daß sie glaubt, kein Recht darauf zu haben, ihn nicht zu mögen, heute, gestern, vielleicht gar nicht, vielleicht noch nie. Er blickt auf dieses Vielleicht-noch-nie auf dem Rücken der Mutter, wirft seine zappelnden Glieder nach ihr aus, als wolle er sie im Tanze umschlingen, verschlingen vielleicht. Ich lege die Handflächen aneinander, mit den Fingerspitzen nach oben, zur alten Frau Kagel hinauf, die im Stockwerk über uns wohnt und wünsche mir, daß der Vater seine zappelnden Glieder wieder an sich nehme. Wünsche mir, daß der Tanz so schnell zu Ende ginge, wie er begonnen hat, wie doch gerade eben noch gar nichts zu sehen war davon. Schwerhörig zwar ist die alte Frau Kagel, aber vielleicht nicht für Wünsche.

Als ich Vater den Mund öffnen sehe, hebe ich die Hände zu meinen Ohren, verschließe sie mit den Zeigefingern, bohre sie tief hinein, dorthin, wo es weh zu tun beginnt. Die Finger in den Ohren sehe ich seine Augen hervortreten, wie durch den Rückstoß der Worte aus seinem halb geöffneten Mund. Ich wage es nicht, meine Augen zu schließen vor ihm, weil ich mich fürchte, den Schutz der Entfernung zu verlieren, zwischen mir und dem Vater. Seine Augäpfel hüpfen auf den Rücken der Mutter, der leichtfüßig huscht. Fast schwebt sie zur Tür, so als wäre sie nicht auf der Flucht. Der Vater bringt seine zappelnden Glieder unter Kontrolle, erreicht vor ihrem Rücken die Tür und verschließt sie, den Schlüssel oben auf die Schrankwand legend, unerreichbar für Mutter und mich. Die Mutter lehnt an der verschlossenen Tür als Rücken. Wir sind Gefangene eines tanzenden Vaters, stehen da und können nicht anders als ihm zu zeigen, daß wir ihn vielleicht niemals geliebt haben, niemals auch tanzend. Daß vielleicht alles ein Irrtum, daß wir nicht seine Frau und sein Kind, weil solch ein tanzender Vater nicht paßt in eine Familie, nicht in unsere, in gar keine. Weil doch keine Familie tanzen kann auf Bestellung des Vaters. Und niemals will er so sehr von uns geliebt werden, wie wenn er tanzt.

Und nun ist es Zeit für mich, die Hände aus den Ohren und doch vor die Augen, denn wenn ich nichts sehe dabei, kann ich mir vielleicht vorstellen, es wäre eine dieser Serien, die die Mutter immer schaut. Kann ich mir vorstellen sie stünde nicht als Rücken an der verschlossenen Tür, sondern säße im Sessel als Mutter. Und so stehe ich im Dunkeln meiner Hände, höre nun endlich, zeitverzögert zu den Bildern zuvor, des Vaters Gebrüll. Das schüttelt der Tanz aus dem Vater heraus. Und ich weiß, daß er im Takt der Worte seine Glieder erhebt, spüre deren Widerhall auf dem Rücken der Mutter. Ich lausche dem Rhythmus des sonderbaren Tanzes, in den der Vater die Mutter nun führt. Sie schaukelt mit dem Rücken, einer Schildkröte gleich, bis er sie herumwirbelt, damit sie ihn anblicke dabei. Und er schreit keine Worte, stößt rhythmisch Laute hervor, erst als sie zu Silben werden, stopfe ich die Finger in meine Ohren hinein, gebe meinen Augen den Blick wieder frei, die sich nur langsam gewöhnen daran. Und ich sehe die Schreie meines Vaters an seine Schädeldecke stoßen und die Augäpfel hervorschieben dabei, so als könne selbst er nicht ganz glauben, was hier geschehe mit ihm und mit uns. Und ich sehe die Augen meiner Mutter aus ihrem umgedrehten Rücken hervorschauen, der ihr keinen Schutz mehr bieten kann. Und ich sehe, daß sie bitte sagt mit den Augen. Ich muß sie hassen dafür, daß sie bereit ist zu tanzen mit ihm, obwohl sie tanzen nicht mag. Und ich gebe es auf zu fliegen, weil ich doch nicht fort komm von hier. Ich verschließe meine Augen mit den Lidern, meine Ohren mit den Fingern, drehe den Rücken zur Wand, mehr Entfernung ist nicht möglich. Ich versuche, ein Erdhügel zu sein auf der Auslegware des Wohnzimmers. Ich versuche, ein Erdhügel zu sein, wenn Vater tanzt und Mutter bitte sagt mit den Augen.